5. Oktober 1999
Warnung vor Vegetarismus-Logo auf Migros-Produkten(Hintergrund: Die Tragödie der "glücklichen" Schweizer Hühner)
Vor zwei Jahren habe ich im Migros zufällig das Vegetarismus-Logo auf Produkten entdeckt, welche Tierquäler-Eier enthalten. Die Schweizerische Vereinigung für Vegetarismus (SVV) hat das Markenrecht an diesem Logo und meinte damals, der Missbrauch sei bekannt, aber der SVV verfüge nicht über die Mittel, gegen Migros zu prozessieren, man sei auf Verhandlungen angewiesen und brauche noch etwas Zeit. Ich habe geglaubt, der SVV werde die Sache sicher regeln können und habe mich nicht mehr weiter darum gekümmert. Im vergangenen Sommer sah ich mich wieder einmal etwas in einem Migros um und stieß prompt wieder auf solche Produkte mit dem Vegi-Logo, welche Tierquäler-Eier enthalten (importierte Käfig-Eier). Der Unterschied zu früher: Dieser Missbrauch ist inzwischen vom SVV mit einem Lizenzvertrag abgesegnet worden! Abwiegelnd hiess es, der SVV habe Migros nicht auf die Finger schauen können, wegen den aufwendigen Vorbereitungsarbeiten für den Europäischen Vegetarier-Kongresses (an welchem dann die Besucher wegen einer Lebensmittelvergiftung notfallmässig in die umliegenden Spitäler eingeliefert werden mussten - so gut war der Kongress vorbereitet). Nun habe ich im Migros Neuwiesen/Winterthur nachgesehen, wie es heute aussieht. Gefunden habe ich zwei Produkte mit Vegi-Logo, eines mit Tierquäler-Eiern und eines "Migros-Bio". "Ovo-lakto-vegetarisch" waren die Produkte angeschrieben.
Was soll dieses Vegi-Logo? Was garantiert es? Ein Label muss doch dem Konsumenten irgend etwas garantieren, wenn es einen Sinn haben soll. Denkste! Der SVV behauptet, mit diesem Label folgendes zu garantieren:
Das V-Label garantiert, dass...
In Wirklichkeit garantiert das Label gar nichts, sondern gibt nur das wieder, was Migros behauptet. Ein anderer Nutzen als Lizenzgebühren für den SVV und gewinnbringende Kundentäuschung für Migros ist nicht erkennbar, insbesondere keinen für den Konsumenten.
Seit Jahren deckt der VgT immer wieder auf, wie Migros im Bereich tierischer Produkte den Konsumenten besondere Leistungen bezüglich Tierfreundlichkeit vorgaukelt (*). Die grossspurigen Werbeversprechungen stehen meistens in mehr oder weniger krassem Gegensatz zur Realität. So auch in diesem Fall: Mit dem Vegi-Logo will Migros offensichtlich den Eindruck einer unabhängigen Kontrolle wecken. Die Realität sieht wieder einmal anders aus: Der SVV ist weder fachlich, noch personell und finanziell in der Lage zB die Migros-Bio-Hühnerhaltung regelmässig auf Tierfreundlichkeit zu kontrollieren. Wiederholt schon hat der VgT (und mehrmals auch der Kassensturz) aufgedeckt, welche Schindluderei Migros mit angeblich glücklichen Freilandhühnern betreibt - armselige Geschöpfe, die so krank sind, dass ihnen die Federn ausfallen, in einem armseligen Auslauf, der häufiger geschlossen als offen ist. Das ist bekannt, auch dem SVV. Und trotzdem lässt sich der SVV für Lizenzgebühren von Migros um den Finger wickeln, glaubt und akzeptiert einfach alles, was Migros sagt, als ob Migros total vertrauenswürdig wäre. Wenn das so wäre, bräuchte es ja auch kein Vegi-Logo! Der Konsument kann selbst lesen, was Migros auf der Packung verspricht! Das Vegi-Logo weckt den unlauteren Eindruck einer besonderen Qualitätskontrolle. Wenn der SVV kontrolliert, dann ist es ja ganz sicher vegetarisch, oder zumindest Eier von glücklichen Hühnern, muss der Konsument denken. Das ist genau das was Migros beabsichtigt. Und zu dieser Konsumententäuschung bieten ausgerechnet Vereins-Vegetarier Hand, welche sonst nicht extrem genug mit dem Vergrösserungsglas nach tierischen Spuren in Lebensmittel fahnden können. Nun plötzlich, wenn die Kasse klingelt, genügt schon "ovo-lakto-vegetarisch". Warum gibt der SVV sein Logo nicht auch für Bio-Rindfleisch? Könnte ja einfach als "beef-vegetarisch" deklariert werden. Vom tierschutz-ethischen Standpunkt aus ist es jedenfalls eher vertretbar, Weide-Rindfleisch zu essen als Eier. Während Rinder auf einfache Weise artgerecht im Freiland gehalten werden können, ist das mit unnatürlich grossen Hühnerherden, wie sie bei Migros üblich sind, praktisch nicht möglich. Deshalb sind in den letzten Jahren vor allem Skandale um Freilandgeflügel und nur einmal bezüglich Freiland-Rindern aufgeflogen (betrügen kann man natürlich überall, aber wo es wenig bringt, wird es eben weniger gemacht). Man komme mir nicht mit dem Argument, für Eier müssten keine Tiere getötet werden wie für Rindfleisch. Legehennen werden in jugendlichem Alter, nach der ersten Legeperiode, geschlachtet - und wie! Transport und Schlachtung von ausgedienten Legehennen ist grausam. Dagegen können Rinder relativ gut stressfrei transportiert und geschlachtet werden.
Ovo-Lakto-Vegetarier haben weiss Gott keine Auswahlprobleme! Es gibt keine Notwendigkeit, diesen anachronistischen Vegetarismus zu fördern! Zudem fördert dieses Label das ohnehin schon herrschende Vorurteil, tierische Fette seien schlimmer als Eier. Wie aufgeklärte Leute wie der Präsident des SVV auf dieser Schiene fahren können, ist nicht nur mir total unverständlich und nur mit Liezenzeinnahmen erklärbar. Mit seinem Pseudo-Vegi-Label wirft uns der SVV ohne zwingenden Grund (!) - und darum rücksichtslos - Knüppel zwischen die Beine in unserem Kampf gegen den Eier-Konsum (siehe dazu den Hauptbeitrag Die Tragödie der "glücklichen" Schweizer Hühner). Wir werden weiterhin jede Gelegenheit nutzen, welche das V-Label bietet, um die Eierproblematik und die Unglaubwürdigkeit des V-Labels zu thematisieren. Im VgT-Vorstand herrscht diesbezüglich völlige Einigkeit.
Sie spinnen, die Vegetarier, würde Obelix sagen, und sich seinem Wildschwein zuwenden. Er hat offensichtlich nicht ganz unrecht. Ich würde jedenfalls ein anständig gejagtes Wildschwein alleweil eihaltigen Migros-Produkten mit dem Vegi-Logo vorziehen!
Erwin Kessler, VgT
Weiter zum Thema: news/991007.htm
(*) Migros-Konsumententäuschungen mit Tierquäler-Produkten:
Mail an den Verein
gegen Tierfabriken Schweiz
Mail an den Webmaster
URL: http://www.vgt.ch/news/991005.htm