von Alain de Benoist
Man sieht, daß die derzeitige Gesellschaft dem Pluralismus nur am Beginn Lobreden hält,
um ihn am Ziel einfach verschwinden zu lassen. Man sieht außerdem, daß eine bestimmte
Linke, die gestern noch der bürgerlichen Gesellschaft streitbar gegenüber gestanden hat
und deren moralische Ordnung kritisiert hat, heute zur Vorkämpferin des politischen
Reformismus und des moralischen Konformismus wird, weil ihre Parolen so sehr zu
Allgemeinplätzen geworden sind, daß sie auf nichts mehr passen.
Das ist ein merkwürdiges Phänomen, das über den eingeschlagenen Weg nachdenklich
stimmen sollte. Es war Mut nötig, um in Südafrika in Zeiten der Apartheid die
Rassentrennung anzuklagen, im Frankreich vor dem Zweiten Weltkrieg gegen den Kolonialismus
zu sein und sich in Frankreich während der Besetzung gegen den Hitlerismus mit der Waffe
in der Hand zu wehren. Aber worin besteht dieser Mut heute ? Im Jahre 1997 riskiert der
Widerstand gegen den Nazismus nichts, höchstens die eigene Lächerlichkeit. Und die
Schlagworte, die gestern für ihre Autoren Gefängnis oder Tod bedeuten konnten, sind
heute Zaubersprüche der Prinzipien, Produzenten des guten Gewissens und gleichzeitig
Fahrkarten in die Welt der Medien und der Verlage. Angesichts von Ideen, die nur deshalb
Ausdruck des Zeitgeistes sind, weil man sie ohne Risiko sagen kann, erweckt ein solcher
Mut wahrlich keine Bewunderung.
Zensur hat es zu allen Zeiten gegeben und der Hang zur Intoleranz ist einer der
Bestandteile des menschlichen Geistes. Es hat in der Vergangenheit stets dominante
Ideologien gegeben und alle Regierungen haben es sich, bis zu einem unterschiedlichen
Grad, angelegen sein lassen, die Gesellschaft zu vereinheitlichen und nonkonforme
Meinungen zu ersticken. Daß die Zensur heute dazu zurückkehrt ist deshalb so entlarvend,
weil sich diese Rückkehr in einer Gesellschaft vollzieht, die vorgibt, die Freiheit der
Meinungsäußerung anzuerkennen und zu garantieren. Artikel 11 der Erklärung der
Menschenrechte erklärt den freien Austausch von Ideen und Meinungen zu den kostbarsten
Menschenrechten. Das französische Gesetz über die Pressefreiheit vom 29. Juli 1881
proklamiert in seinem ersten Artikel: "Druck und Buchhandlungen sind frei." Aber
das ist nicht mehr wahr. Während in den meisten von der Sowjetmacht befreiten Ländern
des Ostens die Rede ganz frei ist, während in den USA das "First Amendment" der
amerikanischen Verfassung die freie Äußerung aller Meinungen erlaubt, ist Frankreich
heute, wohl zusammen mit Deutschland [die kleine Schweiz kennt der Autor offenbar
nicht gut oder hat fand es nicht der Rede wert, sie auch noch namentlich zu erwähnen.
Anmerkung von Erwin Kessler], dasjenige Land der westlichen Welt, in dem die Freiheit
der Meinungsäußerung faktisch am ernstesten eingeschränkt ist. [Man beachte, dass
der Autor Franzose ist und deshalb in erster Linie über Frankreich spricht. Zensur und
Repression nonkonformistischer Kritiker ist ein gesamteuropäisches Phänomen. Anmerkung
von Erwin Kessler]
"Keine Freiheit für die Feinde der Freiheit". Das ist ein altes Lied, das schon
immer die Frage aufgeworfen hat, wie man denn Freiheit definiert und vor allem, wer die
Fähigkeit haben soll, festzulegen, wer der Feind denn sei. Als im 19. Jahrhundert die
revolutionären Sozialisten die soziale Ausbeutung angeprangert haben, wurden sie wegen
"Aufstachelung zum Haß" vor die Gerichte gebracht. Heute tut man das gleiche
bei denen, die sich nicht niederwerfen vor der Ideologie der Menschenrechte. Die Freiheit
der Meinungsäußerung beschränke sich, wenn man einigen Leuten glaubt, auf tolerierbare
Meinungen. Aber genau da fängt sie erst an; und es sind immer diejenigen gewesen, die
sich für sie geschlagen haben, damit sie triumphieren konnte, die diese Freiheit
definiert haben. Die Meinungsfreiheit hätte keinen Wert, wenn nur diejenigen davon
profitieren könnten, die Meinungen verbreiten, die jedermann als richtig und vernünftig
bewerten würde. Weil sie die erste Voraussetzung ist für die freie Entwicklung der Ideen
und damit für das Bestehen einer demokratischen Debatte, hat die Meinungsfreiheit, im
Gegenteil, nur dann einen Sinn, wenn auch die schockierendsten und beleidigendsten wie die
unzutreffendsten oder absurdesten Meinungen ebenso von ihr profitieren. Und zwar aus dem
einfachen Grunde, weil, wenn dies nicht der Fall wäre, die Proklamation ihres Prinzips
niemals notwendig gewesen wäre.
Die Wahrheit ist, daß die Meinungsfreiheit unteilbar ist, daß sie aufhört zu
existieren, wenn man ihr bestimmte Grenzen setzt. Die Wahrheit ist, daß die Zensur
intolerabel ist, welche Motive sie auch immer haben mag, welche Identität auch immer die
Opfer dieser Freiheit haben und unter welchen Voraussetzungen sie auch immer ausgeübt
wird. Keine Zensur ist intellektuell zu verteidigen und keine ist im übrigen auch
wirkungsvoll. Heutzutage werden diejenigen, die die Zensur verurteilen, angeklagt,
Komplizen der Zensierten zu sein. Diese Anklage in der Form einer Erpressung ist ebenfalls
intolerabel. Unter den Ideen, die heute einem Verbot unterliegen, gibt es sicher solche,
die verabscheuungswürdig oder absurd sind. (Das Drama ist, daß man auch das nicht mehr
sagen kann, aus Angst, mit den Wölfen zu heulen). Aber wenn es verabscheuungswürdige
Meinungen gibt, dann sind die Gesetze, die sie verbieten wollen noch
verabscheuungswürdiger. Es handelt sich hier nicht so sehr darum, die Zensierten zu
verteidigen als vielmehr darum, die Zensur anzugreifen.
Der McCarthyismus und das Sowjetsystem sind verschwunden, aber die Erben eines Schdanow
oder eines McCarthy sind immer noch da. Noch unter Stalin oder McCarthy waren die
Denunzianten bisweilen zur Denunziation gezwungen, um ihre Arbeit oder ihr Leben zu
behalten. Heute sehen wir Denunzianten, die ihr Werk tun, ohne daß sie irgendetwas dazu
verpflichten würde. Daß sie den Auswurf von Senator McCarthy essen, ekelt sie
keineswegs. Sie sind ganz beschäftigt damit, schwarze Listen und Zettelkästen anzulegen,
um Exkommunikationen auszusprechen und Bannflüche zu schleudern. Sie entrüsten sich
über die Denunziationen, deren Opfer die Juden zur Zeit der deutschen Okkupation in
Frankreich waren, aber indem sie ihrerseits heute diejenigen denunzieren, die die
herrschende Ideologie auf den Index gesetzt hat, verhalten sie sich in der selben Weise.
Alles das in einem Klima, das Cornelius Castoriadis sehr richtig als "Aufstieg der
Belanglosigkeit" charakterisiert hat und das wohlgemerkt unter ausgezeichneten
moralischen Vorwänden. In der allgemeinen Überwachungsgesellschaft, in der wir leben und
die bereits über Mittel zur Kontrolle des öffentlichen und privaten Lebens verfügt,
über die selbst totalitäre Regime nie verfügt haben, sind alle Motive gut genug, um an
den Rand zu drängen, auszuschließen, zu marginalisieren.
Ich habe die tieferen Motive dieser unbestimmten Intoleranz genannt: das schlechte
Gewissen der Büßer, die steigende Unkultur, die diejenigen, die nicht mehr die Mittel
haben zu antworten und die zur Verleumdung treiben, anstatt zu widerlegen, schließlich
die Angst einer Neuen Klasse, deren Mitglieder seit langem ausgewählt sind - und zwar
nicht aufgrund ihrer tatsächlichen Fähigkeiten, sondern aufgrund ihrer Fähigkeiten sich
auswählen zu lassen, allen objektiven Empfehlungen entzogen, abgeschnitten vom Volk,
leben sie in ständigem Schrecken, daß sie ihre Posten und Privilegien verlieren
könnten. Ich habe auch die Ziele der Zensur genannt: sie soll eine ganze Geistesrichtung
herabsetzen, die nicht mehr das Recht auf eine Äußerung haben soll, Sündenböcke
aufzustellen, um zu verhindern, daß man Rechenschaft über das Behauptete ablegen muß,
die Aufmerksamkeit von den Deformationen im gegenwärtigen System abzulenken, die
öffentliche Meinung mit einem Nasenring zu versehen und sie soll ein öffentliches
Abschwören von allen bösen Gedanken zur Folge haben, als Voraussetzung von medialer und
gesellschaftlicher Anerkennung.
Dieses System der Zensur wird solange dauern, wie es eben dauert. Nach meinem Gefühl wird
es von selbst zusammenbrechen als Folge seiner eigenen Bewegung. Ein Tag wird kommen, an
dem, wie man bereits zu sehen beginnt, den Denunzianten nichts mehr übrigbleiben wird,
als sich selbst gegenseitig zu denunzieren. Aber wir, wir werden immer noch da sein.
Wir sind heute umgeben von Moralisten, die vorgeben, daß wir vor unserer eigenen
Unwürdigkeit ächzen. Aber wir, wir haben nichts zu bereuen. Darum gibt es in unserem
Lande, wie auch anderswo, eine Gruppe Intellektueller, die mutig genug ist, eine
gemeinsame Initiative gegen die neue Inquisition durchzuführen; solange wir leben, werden
wir fortfahren zu reden. Und so lange wir leben, werden wir fortfahren, abweichende Worte
zu sagen und die Vorrechte des kritischen Denkens zu verteidigen. Ebenfalls so lange wir
leben, werden wir fortfahren, an der Arbeit des Denkens mitzuwirken.
In einem Augenblick, in dem sich der Konformismus auf dem Höhepunkt befindet, handelt es
sich einmal mehr darum, an die Vereinigung der freien Geister zu appellieren und an die
rebellischen Herzen.
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